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Waschpulverkartons, Kisten, Pfanne, Töpfe, Backbleche oder eine Schiefertafel zählen zu den Musikinstrumenten, auf denen ich meine ersten musikalischen Gehversuche machte; als eine Art entdeckungsfreudiges, naiv-experimentelles Spiel, unsystematisch und doch mit geschärftem Sinn für Klangfarben und Materialbeschaffeneit...
Aus heutiger Perspektive verblüfft es mich immer noch, wie ich meinen Zugang zur Musik doch hauptsächlich über Geräusche und recht abstrakte rhythmische Zusammenhänge finden konnte. Allerdings war Musik bei uns im Haus allgegenwärtig und obwohl in meinem engsten familiären Umfeld niemand beruflich mit Musik zu tun hat, war sie doch immer Teil des Alltags. Es wurde gesungen, Klavier, Flöte oder Gitarre gespielt, so selbstverständlich wie man etwa Bücher las, kochte, oder Tennis spielte...
Der genaue Grund für meinen Wunsch, als Kind unbedingt Schlagzeug spielen zu wollen, ist mir leider nicht in Erinnerung geblieben. Doch soll ich wohl auf die Frage an der örtlichen Musikschule, warum ich denn mit Schlagzeug anfangen wolle, gesagt haben, mein Bauch sei voller Noten und die müssten jetzt eben raus. Bis heute ist mein Bauch glücklicherweise gut gefüllt mit Noten und Klängen aller Art, mit denen sich in Kombination mit Hirn und Herz allerlei interessante musikalische Gebilde erfinden lassen...
Im Nachhinein bin ich meiner Mutter unendlich dankbar dafür, dass sie damals zur Bedingung machte: wenn Schlagzeug, dann bitte auch Klavier!
Glücklicherweise hatte ich an meiner örtlichen Musikschule in Leonberg gleich von Beginn an fantastischen Unterricht in beiden Fächern. Zum einen lag der Fokus und die Konzentration auf wichtigen Details jeder handwerklichen Ausübung, zum anderen war das Öffnen von Türen und Fenstern zu Musiken ganz unterschiedlicher Art, Herkunft und Epochen und nicht zuletzt auch immer die Unterstützung und Ermutigung zur Entwicklung meiner eigenen Musik, sei sie improvisiert oder aufgeschrieben enorm hilfreich...
Dann später, eine sehr glückliche Studienzeit in Freiburg. In gewisser Weise konnte man vom beschaulichen Freiburg aus die ganze Welt erfahren, denn der gigantische musikalisch-philosophische Kosmos unseres Lehrer Bernhard Wulff sog uns Studenten ganz automatisch in ein magisches Universum voller Klang, Schönheit und Fantasie. Zu den prägendsten Erlebnissen zählen hier insbesondere die fantastischen Reisen die wir mit ihm unternehmen durften: Konzerte in der Wüste Gobi, in Tropfsteinhöhlen der vietnamesischen Halong Bay, in einer alten Disko in Odessa, in mongolischen Klöstern oder einem stillgelegten Autotunnel...
Das Aufeinandertreffen unterschiedlichster Kulturen, Persönlichkeiten, künstlerischen Visionen und musikalischer Umgangsformen, deren Zeugen wir auf diesen Reisen wurden, hat mich bis heute nachhaltig geprägt und definiert vieles von dem, was für mich in jeder Form von künstlerischem Ausdruck essentiell ist...
Gleichsam sah man aus der exotischen Ferne die eigene musikalische Umgebung mit ganz anderen, vielleicht kritischeren Augen und es entwickelte sich eine Perspektive die deutlich über den Rand des eigenen Schrebergartens, in dem wir Musiker uns nur zu gerne suhlen, hinausreichte...
Insbesondere der Kontakt mit traditionellen Musikern Zentral- und Ostasiens hatte mich immer enorm inspiriert und mir verdeutlicht, wie sehr Musik eine existentielle und würdevolle Erfahrung sein kann und nicht bloßes Produkt eines wirtschaftlich orientierten Betriebes...
In bester Erinnerung dann meine leider viel zu kurze Zeit an der University of California San Diego. Der kreativen Energie und unbändigen Lust am Experiment, die einem hier entgegenschlug, konnte man sich gar nicht entziehen. Und so fühlte das Leben auf dem Planeten UCSD an wie in einem Biotop für seltene und schützenswerte oder vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten. Der intellektuelle Scharfsinn gepaart mit inspirierender Entdeckerfreude und professionellem Ernst, den Steven Schick dort versprüht, haftet bis heute an. Seine Fähigkeit, durch einige listige und durchaus unangenehme Fragen das eigene Weltbild immer wieder ins Wanken zu bringen, bleibt unerreicht...
Neben meinen Lehrern und so unterschiedlichen musikalischen Vorbildern wie Glenn Gould, Carlos Kleiber, Tom Waits oder John Cage waren es insbesondere Schlagzeuger wie Fritz Hauser oder Matthias Kaul, die mir Möglichkeiten aufzeigten, ganz unabhängig und abseits konventioneller Strömungen meinen eigenen Weg zu suchen...
Eine weitere musikalische Entdeckung der letzten Jahre war die Musik von Harry Partch, in dessen Welt ich dank der Projekte des Ensemble musikFabrik regelmässig Ausflüge unternehmen darf...
Musik war für mich nie "nur" Schlagzeug spielen und so war ich immer bemüht eine Balance zu finden, die meine Neugier auf Musik, oder allgemeiner: Klang, von möglichst unterschiedlichen Seiten nährt. Stets habe ich versucht, Routine zu vermeiden, da ich in ihr den natürlichen Feind eines instinktiven, kreativen Prozesses wähnte. Und so erlaubt mir das ständige Wechselspiel zwischen Konzertieren, Komponieren, Unterrichten und gelegentlich auch Dirigieren oder Instrumente bauen, mich immer wieder aufs Neue in eine Anfangssituation zu begeben und somit wach und offen für das Kind in mir zu bleiben.
Und da beim Kochen mit so vielen Töpfen gelegentlich Brandgefahr aufkommt, scheint mich genau dies anzutreiben und zu motivieren...
Als Schlagzeuger stehen wir künstlerisch sozusagen "mitten im Leben". Wir verwenden Klänge die jeden von uns unmittelbar umgeben und pflanzen sie um in eine andere, künstliche Wirklichkeit in der sie dann Früchte tragen können. Dabei ist es immer wieder erstaunlich, wieviel Poesie und berührende Schönheit in den einfachsten, alltäglichen Dingen steckt. Und bei allen Kurven, Kreuzungen, Umwegen oder Abkürzungen, die mein bisheriges Leben genommen hat, scheint doch alles immer wieder zurückzukommen zum Anfang, zu Waschpulverkartons, Kisten, Pfannen, Töpfen oder Schiefertafeln... und auch wenn der Ausgang stets ungewiss bleibt, so scheint mir dies doch eine spannende und sinnvolle Art zu sein, meine Zeit auf diesem Planeten dafür zu verwenden!